Zusammen­bleiben nach einem Seitensprung

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Wenn herauskommt, dass einer der Partner untreu war, führt das in der Regel zu einer heftigen Beziehungskrise. Untreue bedeutet Vertrauensverlust und tut höllisch weh. In manchen Ehen und Partnerschaften führt sie sofort zur Trennung, andere Partnerschaften gehen nach einiger Zeit darüber auseinander. 

Es bleiben aber auch viele Paare nach einer außerehelichen Affäre zusammen. Wie diese Paare mit der Krise umgehen und was sie in Zukunft aus ihrer Beziehung machen, darüber schreibt Esther Perel in ihrem Buch Was die Liebe aushält, das sie 2017 veröffentlicht hat.

Perel berichtet, dass sie im Laufe ihrer paartherapeutischen Arbeit drei Kategorien von Paaren ausgemacht hat, die nach einem Seitensprung zusammenbleiben. Sie nennt sie die Leidenden, die Pragmatiker und die Entdecker.

Die Leidenden

Für diese Kategorie von Paaren ist die Affäre keine vorübergehende Krise, sondern definiert und bestimmt von nun an die Beziehung. Sie bleiben zwar zusammen, können aber die erlittene Krise nicht hinter sich lassen. Immer wieder kommen sie auf die Affäre zurück, kauen immer wieder durch, wie schrecklich verletzend das alles gewesen ist, dass der Betrügende alles kaputt gemacht hat und geben sich gegenseitig immer wieder die Schuld an dem, was passiert ist. 

Der betrogene Partner sieht in dem Partner, der fremdgegangen ist, nur noch den Täter und seine Fehler. Der untreue Partner sieht im anderen nur noch einen rachedurstigen Menschen, der nicht vergeben will. Schöne Momente können nicht mehr wahrgenommen werden, weil die Erfahrung der Untreue alles dunkel überschattet. 

Die Ehe bleibt zwar bestehen, aber die Beteiligten zahlen einen hohen Preis. Sie drehen sich nur noch um das eine schlimme Erlebnis in ihrer Beziehung. Und geben der Affäre so die Macht, ihr Leben dauerhaft zu vergiften.

Die Pragmatiker

Diese Paare raufen sich aus Gründen der Vernunft zusammen. Sie haben gemeinsame Verpflichtungen, haben ein gemeinsames Leben, sind eine Familie mit Kindern und wollen all das nicht aufgeben. Der untreue Partner leistet Wiedergutmachung und schließlich wird das Ganze als erledigt betrachtet. Perel schreibt, dass diese Paare die Untreue zwar hinter sich lassen können, sie aber nicht überwinden. Vielmehr machen sie so weiter, wie es vorher war. 

Mögliche Anlässe und Gründe für die Untreue werden nicht weiter thematisiert oder aufgearbeitet. Für diese Paare steht die Familiengemeinschaft und die Loyalität gegenüber den eingegangenen Verpflichtungen im Vordergrund, persönliche Entwicklung und Entwicklung als Paar sind für sie nachrangig. 

Oft funktioniert das und das Paar lebt auf eine für beide akzeptable Weise ein gutes gemeinsames Leben. Bei anderen brechen unbearbeitete Probleme und alte Sehnsüchte später wieder auf und das Paar steht wieder vor den alten Schwierigkeiten.

Die Entdecker

Die dritte Kategorie von Paaren sehen die Krise als eine Chance und nutzen sie als Neuanfang für die Beziehung. Die Affäre war schmerzhaft und hat viel Kummer und Leid hervorgerufen. Trotzdem entscheiden sich diese Paare aktiv dafür, zusammen zu bleiben und die Krise zu nutzen, um ihr Leben und ihre Beziehung auf eine sinnvolle Weise zu verändern. 

Perel schreibt, dass diese Paare im Gegensatz zu den Leidenden, die ihre Situation in festen moralischen Kategorien betrachten, einen flexibleren Standpunkt einnehmen. Sie wissen, dass es keine eindeutigen Antworten gibt und können Gnade walten lassen und verzeihen. Eine Klientin von Perel beschreibt das wie folgt:

Menschen machen Fehler. Ich bin selbst keine Heilige. Zwar bin ich nicht fremdgegangen, aber meine Bewältigungsstrategien sind auch nicht die besten – ich verschließe mich und trinke zu viel, wenn die Situation zu schwierig wird oder ich gestresst bin. Wenn wir unseren Partnern nicht mal einen Fehltritt zugestehen würden, wären wir traurig und allein

(Perel 2020, S. 33).

Eine solche Haltung kostet Kraft und Mut. Denn ich muss mir eingestehen, dass ich auch nicht immer alles richtig mache. Dass auch ich teil daran habe, wie sich die Beziehung entwickelt hat. Es geht darum, zu erkennen, dass wir nichts gewinnen, wenn wir in bitteren, rachsüchtigen Gefühlen verharren und die Schuld allein beim anderen suchen.

Denn betrachte ich einen Seitensprung strikt als etwas moralisch unverzeihliches, verschließe ich mich jedem tieferen Verständnis und damit auch neuer Hoffnung und Heilung. 

Paartherapie Köln - Zusammenbleiben nach dem Seitensprung (Abschluss)

Was wir von den „Entdeckern“ lernen können

Paare, die die Krise eines Seitensprungs als Anlass nutzen, gemeinsam zu wachsen, erlauben Fehler. Sie verabschieden sich von unrealistischen Ansprüchen an eine perfekte Beziehung und sie erheben sich nicht moralisierend über den anderen.

Sondern sie entscheiden sich dafür, Widersprüche, Unklarheiten und Unsicherheiten auszuhalten. Sie wissen, dass es keine eindeutigen Antworten gibt. Sie erkennen ihre eigenen menschlichen Schwächen und Makel und können auch die des anderen anerkennen und nachsehen.

Vor allen Dingen realisieren diese Paare, dass unsere Partner uns nicht gehören, dass wir unsere Beziehung nicht seitensprung- und krisensicher machen können, indem wir den anderen kontrollieren oder einschränken.

Niemand ist perfekt – auch das Leben nicht

Vielmehr lassen sie die Unwägbarkeiten des Lebens zu und halten sie aus. Sie erkennen, dass das Wissen darüber, dass wir den geliebten Menschen nur geliehen haben und diesen auch verlieren können, die Verbindung miteinander und die Liebe zueinander stärken kann.

Sie investieren aktiv in die Beziehung und nehmen den anderen immer wieder liebevoll in den Blick. Sie bemühen sich darum, auch unter Druck und Stress achtsam und respektvoll mit ihm umzugehen und die Welt auch einmal aus seiner Perspektive zu betrachten.

Und auch wenn das einmal nicht gelingt, ist das kein Anlass, die Beziehung oder das Gegenüber als Ganzes in Frage zu stellen.

„Ganz gleich wie beschwerlich das Gestern war,
stets kannst du im Heute von neuem beginnen.“

– Buddha

Quelle: Esther Perel: Was die Liebe braucht. Verlag Harper Collins, Ausgabe 2020

Wer sich mehr für Esther Perel interessiert, dem empfehle ich ihren Podcast Where should we begin (in englischer Sprache), in dem Paare von ihren Problemen erzählen.